Graubereiche, “Gottes Eindeutigkeit” und der Mut zur ungewissen Vielfalt

Schwarz – Weiß – Grau

In einer anderen Zeit. Ein Mann ist auf dem Weg zwischen zwei Siedlungen seines Stammes. Er trifft auf einen ihm Unbekannten. Beide sind bereit den jeweils Anderen zu töten… und beginnen ein langes Gespräch, um mögliche Verwandtschaften herauszufinden, die das Band des Vertrauens knüpfen und einen Kampf auf Leben und Tod verhindern können.

Der Forscher Jared Diamond beschreibt im Buch “Vermächtnis” am Beispiel mehrerer noch existierender Stammesgesellschaften, deren aufwendige Rituale um Graubereiche herzustellen, die es ermöglichen jemanden “eigentlich Fremden” als vertraut genug anzusehen um ihn nicht attackieren zu müssen.

Graubereiche zu haben ist ein enormer Fortschritt in der Menschheitsgeschichte.  Moderne Gesellschaften verlagern die Schaffung von Grauzonen weg von einzelnen Individuen, hin zu Gesetzen, Institutionen und Strukturen. Dadurch ermöglichen sie so vielen Menschen wie nie zuvor, friedlich auf engstem Raum zu leben, obwohl sie einander fremd sind. Dass sich nicht aus jeder Begegnung in der Stadt diese Notwendigkeit ergibt Graubereiche erst aufwendig zu eröffnen, ist eine zivilisatorische Leistung, die die Risikozone sozialer Interaktion enorm ausgedehnt hat.

Risiko deshalb weil wir nie mit Sicherheit wissen was uns erwartet wenn wir anderen Menschen begegnen. Eine nette Unterhaltung, ein wenig “ang’feut” (wienerisch: angeherrscht) werden, die Liebe fürs Leben kennenlernen, oder die Geldtasche geklaut bekommen. Vieles ist möglich, aber nur sehr Weniges ist dabei wirklich Gefahr. Gefahr in dem Sinne, dass die eigene Existenz (sozial, körperlich, psychisch, ökonomisch…) bedroht wird.

Das gilt selbst dann, wenn Lebensentwürfe und Weltanschauungen weit auseinander liegen und macht Raum für Vielfalt und Entwicklung auf… und für Ungewissheit, denn Entwicklung bedeutet auch immer, dass Neues entstehen kann, das nicht ins Alte passt und neue Handlungsweisen erfordert.

“Gottes Plan” und ungewisse Vielfalt

Wien, 2020. Die Stadt betrauert die Opfer eines Terroranschlages, dessen Ziel es ist, die zivilisatorische Uhr wieder zurückzudrehen.

Der sogenannte “Islamische Staat” schrieb schon 2015 in seinem Online Magazin “Dabiq” ganz offen was er bezwecken will: “die Eliminierung der grauen Zone in Gesellschaften”. Es soll nur mehr ein klares “Wir” gegen “Die” geben, alles an Schattierungen dazwischen muss weg. Die Zugehörigkeit zum “Wir” erfolgt konsequenterweise in der Abwertung und Vernichtung des “Anderen”. Friedliche Koexistenz ist demnach keine Option, sondern ein Feindbild.

Gottgegebene Eindeutigkeit soll an die Stelle von menschenmöglicher Vielfalt treten, schicksalshafter Schöpferwille (den “Eingeweihte” deuten und vorgeben) an die Stelle von Entwicklungsfähigkeit von Mensch und Gesellschaft.

Aus risikopädagogischer Sicht, ist das Programm des IS und anderer Terrororganisationen immer eines, das Möglichkeitsraum (die Risikozone) zerstören will. Die Risikozone wo sich das “Eigene und Gewohnte” mit dem “Fremden und Neuen” mischt, ist der Ort an dem Entwicklung passiert und an dem Möglichkeiten zur Gestaltung der Welt entstehen.

Rein in die Grauzone!

Daraus ergibt sich für die Arbeit in Bezug auf gesellschaftliche Spaltung eine klare Konsequenz: Schaffen wir Grauzonen! 

Die Offene Jugendarbeit hat in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass sie genau das kann. Indem sie auf junge Menschen zugeht, die mit Extremismus sympathisieren, den Dialog sucht und ihnen Beziehungsangebote macht.

Einer der Wege dorthin führt über den risflecting®-Ansatz zur Rausch- und Risikobalance, der seit 20 Jahren in der Jugend- und Präventionsarbeit Anwendung findet. Drei KulturTechniken können hier Orientierung geben:

Break 

Das (kurze) Innehalten und Abchecken was die Situation verlangt und welche Möglichkeiten zur Verfügung stehen damit umzugehen. 

Zentral ist hier zwischen Gefahr und Risiko zu unterscheiden und damit Handlungsfähigkeit zu ermöglichen. Eine Gefahr die es unmittelbar zu unterbinden gilt, ist wenn durch menschenfeindliche Äußerungen Personen gefährdet oder bedroht werden. Sehr oft ist es jedoch so, dass es kein direktes Opfer gibt, das es zu schützen gilt, sondern Aussagen und Haltungen die von einem humanistischen und menschenrechtlichen Standpunkt abzulehnen sind, jedoch in einem Rahmen stattfinden der keine sofortige Unterbindung nötig macht. In diesen Situationen das Risiko einzugehen, sich auf einen Dialog einzulassen, in dem nach dem “Wozu” gefragt wird, der einen Einblick in die Motivationen, Wünsche und Ängste gibt, eröffnet großes Veränderungspotential.

Relate 

In Beziehung treten und dabei über das eigene Wohl hinaus, auch das Wohl der Anderen im Auge haben.

Den akuten Drang zur Klarstellung, Grenzziehung und Positionierung im Graubereich hinten anzustellen und aufmerksam zuzuhören was der/die Andere sagt, öffnet die Möglichkeit Beziehung und Vertrauen aufzubauen. Eine wesentliche Erzählung spaltender Ideologien ist: “Die Anderen werden dich nie verstehen. Heimat findest du nur bei uns.”

Aus langjähriger Erfahrung hat sich gezeigt: Heimat und Vertrauen entsteht, dort wo zugehört wird und ein Mensch sich akzeptiert fühlt. Das ist nicht deckungsgleich mit “einer Meinung sein”, sondern deckt ein menschliches Grundbedürfnis nach Geborgenheit.

Doch wie findet sich “das Wohl der Anderen” darin? Indem spaltenden Ideologien der Nährboden entzogen wird, wenn Menschen die Ausschluss und Selbstzweifel erleben, sich im positiven Rahmen  akzeptiert fühlen und das Gefühl des Ausschlusses damit schwächer wird.

Entwicklungsgeschichtlich sind Menschen als soziale Wesen darauf ausgerichtet, konsequenten sozialen Ausschluss zu vermeiden, weil er meist eine existenzielle Bedrohung war. Unter Einsamkeit zu leiden ruft einen Stresspegel hervor, der dem eines körperlichen Angriffs entspricht und auf Dauer innerlich vergiftet.

Raum für positive Beziehungen zu schaffen ist also ein soziales Entgiftungsprogramm. Dass professionelle Beziehungsarbeit wurde in der Studie des IRKS (Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie) am Beispiel der Mobilen Jugendarbeit in Wien eindrucksvoll nachgewiesen.

Reflect 

Die Fähigkeit aus Erlebnissen Erfahrungen zu formen, die für das weitere Leben handlungsleitend und haltungsbildend sind.

Andrew Salomon sagte mit Blick auf seine traumatischen Erfahrungen: “forge meaning, build identity”. Es ist ein Akt der Ermächtigung und Genesung, wenn mit Menschen gemeinsam aus ihren Erlebnissen Geschichten geformt werden können, die ihnen Sinn im Leben geben. Dschihadistische Propaganda hat das verstanden und erzählt Menschen die auf der Suche nach Sinn sind, vom Paradies das sie auf Erden bringen können, vom Königreich Gottes das sie auf Erden schaffen können und von den Belohnungen im Jenseits für ihren (Märtyrer)Tod.

Die positive Gegenerzählung dazu, handelt vom Leben jetzt und hilft Menschen Selbstwirksamkeit zu erleben, als Teil einer Gemeinschaft, die mit Ambivalenzen umgehen kann und es aushält, dass es nicht nur schwarz oder weiß, sondern sehr viel grau gibt.

Wenn in Gesprächen junge Leute Menschenverachtendes von sich geben, öffnet sich oft ein Graubereich der es erlaubt diese Äußerungen nicht sofort zu unterbinden, sondern wo ins Ungewisse gegangen werden kann um herauszufinden was den Menschen bewegt sich so zu äußern. Vorausgesetzt es droht kein unmittelbarer Schaden.

Ein bewährtes Werkzeug dazu ist die “akzeptierende Grundhaltung”, eines der Leitprinzipien in der Offenen Jugendarbeit. Akzeptierend heißt hier auch, das Gespräch nicht abzubrechen wenn menschenverachtende oder antidemokratische Meldungen kommen. Sondern den Schritt ins Ungewisse zu wagen und nachzufragen, was das bringen soll. Wozu sich die Menschen es wünschen und was es mit ihnen zu tun hat. Sie vom Abstrakten ins Konkrete zu führen und dabei auf die bestehende Beziehung zu setzen.

Mut zu differenzieren, Mut zu scheitern

Geht es hier darum zu allem “Ja” zu sagen und sich Moralisch zu verbiegen? Nein. Es geht um den Mut zuzuhören und nachzufragen und selbst noch nicht zu wissen wohin die Unterhaltung führt… und um Vertrauen in die eigene moralische Integrität. Selbst dann wenn man die eigenen Einwände um des Zuhörens willen kurzfristig hinten anstellt, um langfristige Wirkung durch Beziehung zu erzielen. Sobald die Tür des Vertrauens offen ist, kann Widerspruch auch wirken. Ohne dieses Vertrauen sorgt die Logik des Extremismus dafür, dass Kritik nur ein weiterer Stein in der Mauer wird.

Ist das immer die richtige Zugangsweise?

Nein. Manchmal ist “#Schleich di, Oaschloch” angebracht, um Gefahr abzuwenden.

Viel öfter ist jedoch “Erzähl mir davon […um mir von dir zu erzählen]” der Weg zur Veränderung – worauf Irmgard P. im Nachruf auf ihre beim Attentat getötete Schwester  Gudrun in einem ergreifenden Kommentar im Standard hinweist. Es kommt auf den Kontext an und es geht um die Frage: “Lässt die Situation Risiko zu, oder gilt es Gefahr zu verhindern?”

Sicher? Nein. Notwendig? Absolut.

“Wer immer einen hundertprozentigen Schutz der Gesellschaft vor Straftaten verspricht, der ist ein Populist, beziehungsweise der hat mit der Realität und Menschen die einen freien Willen haben nicht gerechnet.” 
Andreas Zembaty, Neustart , Ö1 Journal 4.11.2020

Sich in diesen Graubereich zu begeben, zieht Fehltritte nach sich, denn der Weg führt in ungewisses Gebiet und junge Menschen sind immer einer Vielzahl von Einflüssen ausgesetzt und haben auch die Möglichkeit sich gegen etwas zu entscheiden. Was sich jedoch in den letzten Jahren klar gezeigt hat: Beziehungs- und Vertrauensaufbau sind wesentliche Faktoren um Menschen zu ermöglichen sich als Teil einer friedlichen Gesellschaft zu begreifen, die Ambivalenzen aushalten kann und damit den Predigern der Eindeutigkeit den Boden zu entziehen.

Martin Dworak
Jugendsozialarbeiter bei Back Bone und risflecting® focal point

Martin Dworak

Seit 2009 Mitglied des risflecting-Pools mit Schwerpunkt auf Rausch und Risiko in Bewegung, seit 2021 Leiter des Studienwegs risflecting®.