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Konsumbalance versus Abstinenz?

Konsumbalance versus Abstinenz?

„Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden, unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und Herrlichkeit Amen“. Unzählige Male habe ich dieses Gebet ausgesprochen. Mal ganz laut, mal ganz leise. Als kleines Kind mit meinem Vater, aber auch mit meinen eigenen Kindern 35 Jahre später beim gemeinsamen Gottesdienst. Aber ganz ehrlich: den Teil mit „und führe uns nicht in Versuchung“ habe ich meistens gedankenlos ausgesprochen. Ich habe ihn nicht wirklich verstanden und erst recht nicht hinterfragt. Ich habe das Risiko, die Gefahr aber auch die Chance dieses einen Satzes nicht erkannt. Ich habe nicht bemerkt, welche Sprengkraft dieser eine Satz besitzt. Sprengkraft in Bezug auf mich, meinen Glauben, mein Bild von Gott und Kirche, aber auch mein professionelles Handeln in meiner Arbeit innerhalb der Suchthilfe. Ich bringe diesen Satz in Bezug zu Rausch, Abstinenz, Suchtmittel und Konsum im Allgemeinen und ob ich an einen Gott möchte, der mich vor Erfahrungen bewahren möchte.

Und beim Konsum kommt es eben zur Verführung. Diese muss ich erkennen. Mit ihr muss ich leben. Sie muss ich verstehen. Und gelingt das durch Umgehung selbiger. Ich glaube nicht immer. Wenn der Glaube mich aber begleitet, mich zum Innehalten und Nachdenken bringt und Gott mich Erfahrungen machen lässt, Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten hat, dann kann mich dies unterstützen. Mich Konsumkompetenter werden lassen. 

Leben in einer konsumorientierten Welt

Schlagen wir zunächst ein Lexikon auf. Dort ist Konsum als Verbrauch und Nutzung von Sachgütern und Dienstleistungen zur menschlichen Bedürfnisbefriedigung beschrieben. Es ähnelt der ursprünglichen Bedeutung aus dem Lateinischen „consumere“,  dem „Verbrauchen“ bis zum völligen „Aufzehren“ recht gut. Da liegt es nahe, Konsum ausschließlich unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Auf Produktion, Angebot, Nachfrage, Gewinnorientierung und damit einhergehend dialoggruppengerechte Vermarktung eines Gutes. Doch Konsum ausschließlich so zu verstehen ist in unserer modernen Gesellschaft zu einseitig. Konsum ist heute mehr als nur Verzehr und Verbrauch von Dingen. Konsum hat sich angepasst an unsere modernen Möglichkeiten. Betrachtet werden muss heute vielmehr die emotionale und soziale Bedeutung, des Konsums. Diese geht weit über die rein technische und lebenserhaltende Funktion hinaus. Konsum 2020 ist viel mehr als bloße Bedarfsdeckung von Grundbedürfnissen wie Nahrung und Wohnen. Es ist Lifestyle und Bedürfnisbefriedigung. Er dient der Befreiung, der Ablenkung, dem Vergnügen. Möglich gemacht durch finanziellem „Wohlstand“ und Preisverfall. Die Angebotspalette ist breiter denn je und Marketingmöglichkeiten oder besser gesagt die Versuchungen scheinbar unbegrenzt.

„Konsum ist geprägt durch Vorbilder, Werbestrategien und den Wunsch, bestimmte Gegenstände oder Gefühlszustände zu erreichen.“

Andrea Braun: Weniger…… ist oft mehr, Kössel-Verlag GmbH & Co., München 1998

Dies birgt Risiken und Gefahren. Besonders wenn, wie die Werbung uns das nicht selten verspricht, durch den bloßen Konsum etwas besser wird. Auch die Werbung für Rauschmittel ist da nicht anders. Egal ob Alkohol, oder wie bis vor einigen Jahren noch die Tabakwerbung: Überall gut gelaunte, gutaussehende und vor allem glückliche Menschen. Wer möchte das nicht. Probleme gibt es dort scheinbar nicht. Niemand ist alleine. Zufriedenheit ist allgegenwärtig. Da ist sie, die Verführung. Die Verführung zum Konsum mit all seinem „Entlastenden“. Auch das ist nur allzu menschlich. Wir Menschen können nicht immer und überall Probleme bearbeiten. Wir müssen auch abschalten. Wir müssen Luft holen uns gedankliche Freiräume schaffen. Wenn dieses kleine Detail jedoch zum heimlichen Hauptgrund unseres Konsums wird, wenn wir beginnen mit unserem Konsum immer öfter zu kompensieren, dann kann es gefährlich werden. Bis dahin ist es sicherlich nicht harmlos. Konsum ist immer riskant, was bedeutet, eine Abhängigkeit kann sich entwickeln, Rauschmittelbedingte Unfälle können passieren, müssen aber nicht. Es hängt bei den meisten von uns selbst ab, was wir aus dem Konsumerlebnis machen. Wie kompetent wir damit umgehen. Oder wie Andrea Rebra  in ihrem Buch zu bedenken gibt „dass das sogenannte „Konsum-Gut“ nicht grundsätzlich schlecht ist, vielmehr kann es auch gut sein, wenn wir lernen richtig damit umzugehen.“ Doch trifft dies auch auf Konsumgüter wie Rauschmittel zu?

Konsumbalance vs. Abstinenz?

Das Konzept der Konsumbalance ist, besonders in Bezug auf Rauschmittel, innerhalb der Selbsthilfe keine einfache „Kost“ ist. Es steht scheinbar im Wiederspruch zur Abstinenz als höchstes Gut. Natürlich ist mir auch bewusst, dass für einen alkoholkranken Menschen Nullkonsum die wünschenswert Beste, wenn nicht sogar einzig realistische Möglichkeit ist, die Krankheit dauerhaft zum Stillstand zu bringen. Aber was ist mit den Menschen, die unter problematischem Nahrungsmittelkonsum leiden oder an einer Form der Medienabhängigkeit? Da ist Abstinenz sicherlich keine Option. Vielleicht können wir von ihnen lernen.  Wenn sie es schaffen trotz ihrer Suchterkrankung ohne Abstinenzmöglichkeit gesund zu werden und zu bleiben, dann könnten das  auch Wege für nichtabhängig konsumierende sein? Besonders wichtig ist diese Frage in Bezug auf die Prävention. Unsere Gesellschaft hat Bedarf an Konsum-Dialog. Das Blaue Kreuz bietet, wie viele andere Selbsthilfeorganisationen, mit seinen Begegnungsräumen, seinen vielfältigen Angeboten und seinen erfahrenen Mitgliedern reichhaltige Erfahrungsschätze. Doch wie kommt es zum wirklichen Dialog? Durch Akzeptanz! Das bedeutet nicht,  die eigene abstinente Haltung aufzugeben oder in Frage zu stellen. Aber vielleicht die eigene Haltung in Bezug auf die Lebenswirklichkeiten von konsumierenden Menschen zu setzen. Die Bedeutung auf andere zu reflektieren und somit offenen und wertschätzenden Dialog zu ermöglichen. Die Frage der Konsumbalance wird also zu einer Frage der Grundhaltung. Betrachten wir die Versuchung, den Konsum doch als etwas normales, etwas zum Leben dazu gehörendes. Aber auch etwas, über das man nachdenken muss, um die Kontrolle zu behalten. 

Eigenverantwortung, offener Dialog, Wertschätzung, Lebenskompetenzen 

Was aber schützt mich vor der Gefahr einer Abhängigkeit? Was macht mich Konsumkompetent? Darauf gibt es, so hart wie es klingt, realistisch betrachtet nur eine Antwort: Ich selbst! Jetzt werden einige denken: Moment, da gibt es auch noch etwas das mich schützt. Eine höhere Macht. Ja, das mag sein. Das stelle ich auch nicht in Frage. Aber in all den Jahren, seit denen ich in der Suchthilfe tätig bin, habe ich es nicht erlebt, dass Gott den Joint vor der Schule ausgemacht hat, dass Gott das Bier vor der Autofahrt ausgeschüttet hat. Keine Frage, Gott ist da. Nicht wenige Menschen berichten von etwas himmlischen, dass sie zum Innehalten brachte. Ein Moment der ihren Weg in eine andere Bahn lenkte. Aber in ganz weltlichen Momenten treffe ich die Entscheidung. Ich muss demnach lernen Verantwortung für mich und meine Handeln zu übernehmen. Zugegeben eine schwere aber nicht unlösbare Aufgabe. Ich entscheide, ob ich den Joint rauche. Ich entscheide, ob ich das Bier trinke oder doch eher nüchtern ins Auto steige. Warum entscheide ich das? Weil ich zuvor gelernt habe. Weil ich von anderen erfahren und vielleicht auch erlebt habe. Bereits 1986 wurde dies in der Ottowa-Charta ganz ähnlich formuliert:

„…Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können.“

WHO, Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, 1986

Für das Erlangen von Konsumbalance müssen wir demnach mit Menschen sowohl über die Risiken und Gefahren, aber auch Chancen und Möglichkeiten offen und wertschätzend in den Dialog treten. Da komme ich wieder auf meine Eingangs Gedanken: Was passiert mit mir, wenn ich stets an der Konsum-Versuchung vorbei geführt werde? Die Versuchung wird bleiben! Ich bevorzuge den Gedanken, dass  jemand da ist, der mich begleitet. Der mir an den unterschiedlichen Stellen Wege aufzeigt und mir dennoch die Entscheidung lässt, welchen Weg ich einschlage. Der mich dabei wachsen lässt. Mir Erfahrungen ermöglicht, aber stets das Gefühl gibt: Jemand ist bei mir. Der mich in meiner Autonomie wertschätzt. Und mir dadurch Selbstwirksamkeit schenkt, statt Abhängigkeit in einer anderen Form zu erzeugen. Sicherlich ein schmaler Grat zwischen notwendigem Warnen vor Leichtfertigkeit und Entlassen in eigene Verantwortung, zwischen dem Aufzeigen drastischer gesundheitlicher und sozialer Folgen und unvoreingenommener, die unmittelbaren Bedürfnisse möglicher Konsumenten anerkennenden Motive.

Empowerment als Schlüssel zu mehr Selbstbestimmung! 

Bereits 1994 definierte die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrem Life Skills Katalog Fähigkeiten, die einen angemessenen Umgang einerseits mit den Mitmenschen und andererseits auch mit Problemen und Stresssituationen im alltäglichen Leben möglich machen, sogenannte psychosoziale Kompetenzen.  Dazu gehören neben einer gesunden

  • Selbstwahrnehmung,
  • gutes Einfühlungsvermögen,
  • der Umgang mit Stress und negativen Emotionen,
  • die Fähigkeit zur Kommunikation,
  • Selbstbehauptung, Standhaftigkeit,
  • kritisches Denken,
  • die Kompetenz Probleme eigenständig und zufriedenstellend lösen zu können
  • und eben auch Risikokompetenz und Information.

Also die Fähigkeit, den eigenen Konsum und die Wirkung von Substanzen mit ihren kurz- und langfristigen Folen realistisch einschätzen zu können. Dabei wird nicht expliziert erwähnt, dass durch das Trainieren dieser Fähigkeiten der gefahrenfreie Konsum legaler und illegaler Rauschmittel ermöglicht wird. Diese Garantie kann niemand geben.  Aber es ging davon ein Signal in Richtung Konsumbalance und Akzeptanz eines möglichen Konsums von Rauschmitteln aus.

Erfahrungsräume, Vorbilder und alte Kulturtechniken

Konsumbalance ermöglicht einen Rhythmus zwischen Genuss- und Verzichtssituationen zu entwickeln, was jedoch ebenso wie die vorangegangen Fähigkeiten nur schwerlich in der Theorie entwickelt werden kann. All dies zu lernen braucht neben Begleitung durch Vorbilder vor allem Raum, welcher dem Individuum Möglichkeiten bietet selbst Erfahrungen zu machen oder von den Erfahrungen anderer zu lernen. Dieser Erfahrungsraum ist, wie G. Koller in seinem Konzept risflecting® beschriebt, eine der wichtigsten Grundlagen zur Schaffung von Risikobalance, welche das für den Konsumenten richtige eigenverantwortliche Handeln ermöglicht. Um eines direkt klarzustellen: Damit meint er nicht gemeinschaftliche Sauforgien oder begleitete Trinkexprerimente wie sie zuweilen angeboten werden. Es geht vielmehr um Orte, wo Menschen „Rausch- und Risikoerfahrungen“ auf unterschiedlichste Art und Weise erfahren können und daraus für ihr Leben lernen. Dies kann bei einer gemeinsamen Wanderung im Wald genauso stattfinden, wie bei einem Kreativangebot, einem adrenalingeladenen Kletterangebot oder einem anregenden Dialog in der Gruppe. Dort können Menschen in einen sicheren Setting ihre Komfortzone verlassen und ins Risiko gehen. Sie können feststellen, wann aus einer riskanten Situation eine wirkliche Gefahr wird. Und was es braucht diese Situationen zu managen. Wird dieser Prozess begleitet, moderiert und reflektiert entsteht daraus ein echter Lernprozess. Dabei können Menschen ganz alte Fähigkeiten wieder erlernen. Fähigkeiten die Sie erkennen lassen, ob das was sie gerade tun oder noch vorhaben überhaupt gut für sie ist. Dafür müssen wir jedoch erst lernen, dass es Unterschiede zwischen einer Gefahr (hohe Wahrscheinlichkeit einer negativen Konsequenz) und einem Risiko (Möglichkeit einer negativen Konsequenz, aber auch hohe Wahrscheinlichkeit auf persönliche Entwicklung) gibt. Vor allem, dass Komfort (Keine Gefahr, kein Risiko, aber auch keine Entwicklung) nicht immer gefahrlos ist. Haben wir dies erkannt, sind wir der Konsumkompetenz auf ganz praktischem Wege einen deutlichen Schritt näher gekommen. Neben der Dringlichkeit eben dieser Erfahrungsräumen beschreibt Koller drei einfache Kulturtechniken die uns im Sinne der „HARM REDUCTION“, der Schadensminimierung ganz praktisch helfen:

  • Das Innehalten und überdenken vor dem Konsum (BREAK). 
  • Das aufeinander achten während des Konsums (RELATE) 
  • Das Auswerten und Analysieren nach dem Konsum (REFLECT) 

Meine erste Begegnung mit diesen drei, nicht ganz neuen Kulturtechniken, war zunächst ernüchternd und zugleich motivierend. Ich war verwirrt auf Grund ihrer Einfachheit. Kann ich es mir erlauben solch einfache Empfehlungen mit auf den Weg zu geben? Heute sage ich: JA!  Denn ich betrachte Konsum und auch den Rausch als das, was sie sind: Grundbedürfnisse aller Menschen. Ihnen muss nicht immer ein Problem oder ein Defizit zu Grunde liegen. Grundbedürfnisse denen ich mit Akzeptanz und Authentizität auch nicht konsumierender oder abstinent lebender Mensch begegnen kann. Diese drei Verhaltensweisen bringen es in wenigen Worten auf den Punkt, was wirklich hilft, wenn wir nicht helfen können. Wenn wir nicht da sind. Wenn Eigenverantwortung gefragt ist. Dafür braucht es Mut und Vertrauen. Vertrauen auch einmal schlechte Erfahrungen zuzulassen und die Gewissheit, dass mit der richtigen Begleitung dennoch ein Lernerfolg für alle Beteiligten entsteht. Und Mut auch mal Verantwortung und Kontrolle abzugeben. Kurz gesagt: Gesellschaft muss lernen ihren Konsum selbst zu managen. Wir können Erfahrungsräume und Dialog anbieten Offen, sachlich informativ und anregend zur Reflexion. Und wir dürfen nicht vergessen: Konsum ist nicht immer gefährlich oder wie Gerald Koller sagt:

„Wer Actionsport oder sexuelle Abenteuer sucht, hat kein grundsätzliches Problem, sondern ist in erster Linie Mensch. Er verdient Achtung, Begleitung und Landkarten bei seinem Sprung ins Außeralltägliche.“

Gerald Koller / Michael Guzei, spring …  und lande, Edition LIFEart 2012

Und vielleicht versuchen wir es zukünftig auch mal mit der Variante des Vater Unsers von Rupert Lay :

„… Und führe uns auch in der Versuchung und erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

Rupert Lay
https://www.sonntagsblatt.de/artikel/meinung-kommentar/fuehrt-gott-versuchung

Weitere interessante Literatur zum Thema:

Ortwin Renn: Das Risikoparadox, Fischer Verlag 2014

Rosenkranz / Schneider: Konsum – Soziologische, ökonomische und psychologische Perspektiven, Leske + Budrich, Oppladen 2000

Julia Eichhorn: Kompetenz zum Konsumieren? Konstruktiver Verbraucherschutz durch Kommunikation, GRIN Verlag (2005)

Autor:
Niko Blug – Dipl. Sozialpädagoge und risikopädagogischer Begleiter (risflecting®)