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„Die Grenzen meiner Sprache…..“

„Die Grenzen meiner Sprache…..“

….bedeuten die Grenze meiner Welt“, so lautet ein berühmter Ausspruch des britisch-österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein.

Und in Anlehnung an diesen Ausspruch und in Abänderung dieses Ausspruchs, dieses Zitates, behaupte ich, auch „Die Grenzen meiner Musik, sind die Grenzen meiner Welt“ und damit sind wir, verehrte LeserInnen, schon mitten in der Thematik, dieser wohlklingenden Zeilen.

Wie wir alle wissen, ist Hören einer unserer „klassischen“ Sinne und Hören ist einer jener Sinne, der uns, unter anderem, emotional mitnehmen kann, emotional überzeugen kann, emotional überfordern kann. 

Der Hörsinn dient jedoch auch der Orientierung, der Orientierung, um Richtungen verifizieren zu können und um in Balance, im Gleichgewicht zu bleiben, denn unser Gleichgewichtsorgan befindet sich, wie wir alle wissen, auch in unserem Gehör. Durch Hören im Gleichgewicht, durch Hören in Resonanz bleiben.

Musik kann jedoch auch Rausch sein, Musik kann zum Flow führen, Musik kann zu einem Rauscherlebnis führen.

Je weiter wir uns von unserer „musikalischen Grenzen“ entfernen, umso eher kommen wir in rauschhafte musikalische Bereiche. Musikalische Grenze wird hier mit angelernten, tagtäglich vorgeleierten, formatradiotauglichen Soundformaten gemeint, mit Soundbrei, der sich in einer Einheit präsentiert, diese Einheit hat jedoch wenig mit Qualität, sondern mehr mit Quantität zu tun. Diese Einheit / dieses „Uniformität“ von Songs ist gezeichnet von vorgegebener radiotauglicher Länge, nach 3:30 min ist genug (sonst gibt es kein Airplay) und jeder Song muss zumindest nach dem Schema – Text-Refrain-Text-Refrain-Bridge-Text-Refrain-Ende (oder so) gestaltet sein. Wenn dem nicht so ist, wird man vielleicht nicht „spotifyziert“ und schafft es nie in die Top10. 

Diese Limitierung des Hörerlebnisses erinnert an eine Geschichte aus der griechischen Mythologie. Es wird vom Unhold und Wegelagerer Prokrustes berichtet. Die Geschichte erzählt, dass Prokrustes müden Wanderern ein Bett angeboten hatten. Es gab jedoch nur eine einzige Bettgröße, waren die Personen zu groß, wurden kurzerhand die Beine abgeschnitten, wenn sie zu klein waren, hämmerte und streckte Prokrustes die Menschen in die richtige Länge. Das Musikformat, dass uns vorgegeben wird, ist das Bett des Prokrustes und unsere Hörgewohnheiten werden, ob wir wollen oder nicht, diesem starren Konstrukt angepasst, mehr gibt es nicht, mehr geht nicht.

Wenn man aber einen akustischen Schritt, in welche Richtung auch immer, über diesen selbst auferlegten Tellerrand wagt, erschließen sich Hörerlebnisse, von denen man sich niemals zu träumen gewagt hätte.

Und diese Hörerlebnisse sind Rauscherlebnisse. Mit dem (oftmals riskanten) Schritt in die eine Richtung, erlebt man unter Umständen die Welten elektronischer, digitaler Musik, die schon alleine in der Techno- und Rave Szene Rauschfeste gefeiert hat (und immer noch feiert). Wagt man diese Richtung weiter, landet man unter Umständen in einer Welt, die für die einen als purer Lärm erscheinen, für andere jedoch eine eigene musikalische Richtung erschließen, eine Richtung die weitab von oben angeführten Konventionen besteht, eine Richtung die eben als „Noise“ bezeichnet wird, die tatsächlich darin gipfelt strukturierten und / oder unstrukturierten Lärm zu erzeugen. Und jeder, der / die sich in diesen Noise, in diesen Lärmrausch begeben, sich darauf einlassen, sich dieser Musik auch live widmen, werden von vorher nie erlebten akustischen und körperlichen Erfahrungen berichten können. Exemplarisch seien hier der Japaner Masami Akita, gemeinhin als Merzbow bekannt und die amerikanischen DroneSpezialisten SunnO))) genannt.

Den Pegel in die andere Richtung ausschlagen zu lassen, bedeutet vielleicht, sich dem FreeJazz zu widmen, sich in einen, vielleicht nicht ganz so (um bei den „Fachbegriffen“ zu bleiben) noisige Richtung zu bewegen, aber eine vermeintlich unstrukturierte. Und vor allem diese (vermeintliche) Unstrukturiertheit einer Liveshow, dieses Erkennen von Mustern, diese Überraschungseffekte, diese non-verbale Kommunikation der Musiker, dieses Einlassen auf die anderen Musiker, erreicht Intensitäten, die man bei sonst vergeblich sucht. Und man erreicht dadurch ein Erlebnis, dass es schafft, mehrmals ein Lächeln auf die Lippe zu zaubern.

Die Story könnte nun so weitergeführt werden, diese Story ist jedoch ein Plädoyer fürs Einlassen, fürs Einlassen auf das Abenteuer und den Rausch der Musik, die Intensität von „nicht-konformen-Klängen“, die Konformität der Unkonformität, das vermeintlich nicht Hörbare, und das akustisch Überraschende, das akustische Yin und das körperliche Yang einer Livedarbietung. 

Diese Story sieht sich als Anregung zum Erweitern Eurer musikalischer Grenzen, zum Aufbruch in fremde musikalische Welten, die dann am Ende dieser Reise, am Ende dieses Rausches, Eure Sichtweisen erweitern werden und Euch dazu animieren, noch mehr zu erforschen.

Die Musik mag zu Beginn eine „lingua ignota“ (unbekannte Sprache) sein, kann sich aber sehr schnell zu einem weltweiten Kommunikationsmittel entwickeln, wenn man sich darauf einlässt.

Ich beschließe diesen Text damit, dass ich den Titel eines Films über die Berliner Band „Einstürzende Neubauten“ zitiere…….“Listen with pain“ 😉

Subjektiver Hörtipp für Mutige: Swans „Leaving Meaning“

Autor:
Christian „Kike“ Pöschl ist aus Kärnten, in der Kriminalprävention tätig, Radiomoderator, Musikfan, Konzertorganisator, Medien- und Kommunikationswissenschaftsstudent, Familienvater, Neugieriger…..