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Der Sprung

Der Sprung

Hatte ich vorher schon so eine Ahnung, dass in diesem zweiten Teil der risflecting-Weiterbildung etwas Wichtiges für mich persönlich geschehen würde. Das Gefühl im Bauch, dass etwas Entscheidendes näher kommt, nahm die Tage vorher zu. Als ich in der Mail mit den Dingen, was mitzubringen sei, das Wort „Outdoorbekleidung“ las, wurde das Gefühl intensiv. Es brachte mich alleine beim Lesen in die Gefahrenzone.

Ja richtig, ich galt als unsportlich und der Schulsport war ein Desaster, welches ich überwiegend durch meine Abwesenheit bewältigt habe. Erst später habe ich entdeckt, dass „unsportlich“ ein ganz unbrauchbares Wort ist. Jeder ist sportlich, es kommt auf das wie an. So habe ich beispielsweise entdeckt, dass ich ohne Training fast einen Kilometer am Stück Brustschwimmen kann, solange ich dabei nicht mit dem Kopf unter Wasser tauchen muss und einfach „vor mich hin schwimme“. Oder dass ich im Nordic walking eine gute Ausdauer habe und es mir Spaß macht, in diesen gleichmäßigen Bewegungen in der Monotonie abzuschalten und durch die Gegend zu spazieren. Das geschieht dann hauptsächlich in den Comfortzone. Andere Tätigkeiten wie beispielsweise joggen, lösen direkt ein intensives Unwohlsein in mir aus. Hier ist es mir unangenehm, wenn ich die Außenwelt so verwackelt sehe; das stresst mich. Ich bin also gleich in der Gefahrenzone und breche ab. Von sportlichen Bewegungsabläufen ganz zu schweigen. Ich kann mir viele Bewegungen ansehen, sie aber nicht auf mich übertragen. Meine Hochsensibilität löst direkt so viele Emotionen und Gedanken aus, dass es mich blockiert. Dazu verwechsle ich permanent links und rechts und andere Gegensätze, dass ich beispielsweise bei Aerobic ebenso schnell in Stress gerate, wenn zu viele Anweisungen gerufen werden, die ich in dieser Geschwindigkeit nicht umsetzen kann.

Ich fahre also nach Paretz und lasse es auf mich zukommen. Fühle mich wohl und entspannt, als Martin (Parcours- und Yogalehrer) am zweiten Tag die Anleitung unserer Gruppe übernimmt. Wir machen ein warm up, dass mich hier und da schon ziemlich anstrengt. Die Sätze meiner Kindheit werden in mir laut: „Wir sind keine sportliche Familie“, „Nina, ach Sport brauchst du nicht können, das ist nicht wichtig“, „das kannst du nicht“ und „stell dich nicht so an“. Ich gebe mir alle Mühe, die Stimmen wahrzunehmen und in Ruhe wegzuschicken. Denn ich bin neugierig, was Martin mir zeigen wird.
Und dann machen wir eine Übung, wo wir auf allen Vieren über das Gras laufen. Und mit einmal bin ich wieder Kind. Etwa sechs Jahre alt. Ich liebe das Gras auf der Wiese, zupfe gerne darin herum, der schöne Wiesengeruch. 

Wir üben mit Martin das Springen und es macht Spaß. Ich traue mich, kein Weglaufgefühl. Er kommt zu mir und gibt mir konkrete Tipps, was ich noch besser machen kann. Und ja, es klappt. Ich freue mich, denn ich habe bisher nur sehr selten in Bewegungsabläufen etwas lernen können. Und jetzt geht das auf einmal so leicht. Ich komme in die Risikozone.

Dann zeigt uns Martin eine Übung. Ich mache meinen Sprung so, wie ich mich wohlfühle, gehe an den Ausgangspunkt zurück, mache einen kleinen Schritt nach hinten und versuche den Sprung erneut. Dabei darauf achten, was wir fühlen. Es ist sehr intensiv, wie sich mein Bauchgefühl ändert, wenn ich den einen kleinen Schritt zurück gehe, um den Sprung zu erweitern. Ich mache es einige male und mit einmal, als ich diesen kleinen Schritt zurück gehe, kommt eine tief verwurzelte Angst in mir hoch.  Ich kenne sie so gut, die Angst des sechsjährigen Mädchens. Ich bin in der Gefahrenzone. Ich habe Angst, fühle mich alleine. Mir kommen die Tränen, ich laufe weg. Ja, wie gut ich dieses Verhaltensmuster kenne. Ich finde mich in der Toilette wieder, mein Atem geht hastig, mein Herz klopft – Fluchtmodus. Was soll ich tun? 
Da fällt mir ein, dass Martin sagte, wir sollen Bescheid geben, wenn es uns nicht gut geht. Das habe ich so noch nicht gehört, als sechsjähriges Mädchen schon gar nicht. Ich warte also die Übung der anderen ab und gehe dann zu Martin, sage ihm „mir geht es nicht gut“. Er geht mit mir ums Haus und ich erzähle ihm, was geschehen ist. Und ja, ich muss dabei lächeln, denn er hört mir zu und nimmt mich ernst. Ich benenne meine Angst und auch, wie schön es ist, in diesem Moment aufgefangen zu werden. Martin macht mit mir eine Atemübung und meine Flügel wachsen. Dankbarkeit. Ich beruhige mich und eine Freude macht sich in mir breit. Er sagt, dass ich gerne weiter versuchen kann, aber auch in jedem Moment pausieren oder abbrechen kann, wenn es zu viel wird. Das macht es mir leicht, ich darf mein eigenes Tempo bestimmen. Ziemlich überwältigt von der Dichte der Extreme der Emotionen gehe ich wieder zur Gruppe. Meine kindliche Neugierde überwiegt. Probiere ich doch so gerne Dinge aus. Ich spüre hin und wieder diese Angst aufflackern, aber sie ist jetzt „übercodiert“. Vielleicht erstmals erlebe ich eine passende Flugbegleitung und dass jemand da ist, wenn ich lande. Im „sportlichen“ Bereich. So kann ich weitermachen und gelange immer wieder spielerisch in die Risikozone und jederzeit in meine Comfortzone zurück. Am Brückengeländer oder im steinigen Uferbereich.

Dieser kleine Schritt nach hinten für die Sprungerweiterung – es waren einige Zentimeter – haben so viel ausgelöst und soviel bewirkt.

Eine sehr schöne Erfahrung, der ich dir, Martin, mit größter Dankbarkeit begegne…

„Alles, was du gerade erlebst, ist dein persönliches Meisterwerk…“
(V. Lindau)

risflecting®-Abschlussarbeit, Teil 1, Juli 2016, Nina Roth

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