Abenteuer, Spiel und Fest. Ressourcen im PKJD

Das Kinderdorf hat für die Umsetzung von Risflecting wunderbare Grundbedingungen. Obwohl es auf den ersten Blick wie eine standardisierte stationäre Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe wirkt, hat es doch ein spannendes Konzept. Im Kinderdorf habe ich kennengelernt, dass es nicht nur die üblichen Schichtwohngruppen gibt, an deren Funktionsweise ich oft den Faktor der Zuneigung zu den jungen Menschen vermisse. Es gibt vor allem Familienanaloge Wohngruppen. Bei denen sich Paare oder auch Einzelne entscheiden an ihrem Arbeitsplatz zu leben und aus einer Wohngruppe eine verrückte Form einer großen Pflegefamilie zu machen.

Da es im Kinderdorf direkt mehrere davon gibt, hat sich sich aufgrund der günstigen Lage ein wundervoller Dorfcharakter entwickelt. Also eine Gemeinschaft die sich kennt, gernhat oder auch mal streitet und für einander zuständig ist, sich gemeinsam um große Projekte kümmert und miteinander kommuniziert. Wie in meinem Herkunftsdorf! Darin sehe ich eine erste Grundvoraussetzung für die Umsetzung oder Kultivierung der Methode. Koller benennt ja selbst die Notwendigkeit eines guten Netzwerks. Und dieses Netzwerk scheint mit einer Geschichte von 75 Jahren gut zu funktionieren. Ein weiterer schöner Aspekt der sich aus dem Dorfcharakter entwickelt hat, ist die Festkultur. 

„Ein Schwerpunkt in der praktischen Umsetzung von Risflecting ist die Auseinandersetzung mit Festen als Rausch- und Risikoräume und die Entwicklung einer entsprechenden Festkultur, die die Vor- und Nachbereitung solcher kollektiven Erlebnisse vorsieht.“ (vgl. Koller, 2012)

Und Feste feiern wir im Kinderdorf so einige. Zur Kartoffelernte das Kartoffelfest, dass in einem „Fressrausch“ endet und zahlreiche Kartoffeln zum Opfer hat. Aber auch Traditionen von der schwäbischen Alb welche ich noch aus meinem eigenen Dorf kenne. Wie das Maifest. Bei dem mutige Jugendliche ganz ohne Sicherung den 4 Meter hohen Maibaum an einem Seil erklimmen dürfen. Wer die Glocke läutet erntet Applaus, auch diejenigen die es nicht schaffen bekommen Applaus und danach eine leckere Mahlzeit. Lediglich ein paar Heuballen sichern die Jugendlichen doch die Schlange an interessierten Kletterern war enorm. Es hat mich nicht Überrascht das meine Jugendlichen noch 2 Monate später davon berichteten und sich stritten wer die Glocke schneller läutete. Aber auch das Erlenhof Open-Air das Einrichtungseigene Festival, dass deutschlandweit in der Kinder- und Jugendhilfe wohl einzigartig ist, bietet eine tolle Grundlage für Risflecting. Eine Rauschkultur wird dort schon sehr wertvoll Vorgelebt, so sind zumindest meine Erfahrungen. Diese jedoch mit den Ideen aus den Seminaren zu entwickeln trägt wohl zur Entwicklung dieser tollen Festkultur bei und könnte die ein- oder andere Streitfrage lösen. 

Als letztes bleibt mir noch mein Lieblingsaspekt der Arbeit. Das tolle das Risflecting so Deckungsgleich an vielen Stellen mit der Erlebnis- oder Abenteuerpädagogik ist. Mit der Überzeugung der 7 Säulen nach Kurt Hahn. 

  1. Gebt den Kindern Gelegenheit, sich selbst zu entdecken.
  2. Lasst die Kinder Triumph und Niederlage erleben.
  3. Gebt den Kindern Gelegenheit zur Selbsthingabe an die gemeinsame Sache.
  4. Sorgt für Zeiten der Stille.
  5. Übt die Phantasie.
  6. Lasst Wettkämpfe eine wichtige, aber keine vorherrschende Rolle spielen.
  7. Erlöst die Söhne und Töchter reicher und mächtiger Eltern von dem „entnervenden“ (= abgehoben-wirklichkeitsblinden) Gefühl der Privilegiert Heit. (vgl. Wikipedia, 27.08.2023)

denke ich bietet der Erlebnispädagogik nicht nur ihr jeweils eigenes Abenteuer, sondern Sie bietet auch dem Risflecting Modell einen praktischen Raum zur Umsetzung. Risikoerfahrungen am Felsen bewusst zu üben und wahrzunehmen hat die Qualität meiner Kletterstunden für mich besonders verändert. Und ich habe auch das Gefühl Sie erzeugen ein Nachdenken bei meinen Schützlingen. Und viele weitere Elemente der Erlebnispädagogik lassen eine solche Auseinandersetzung zu. Im Kinderdorf wird neben dem Klettern auch Segeln und große Ferienreisen angeboten. Nach Kurt Hahns Säulenmodell ist die Gemeinschaft und die Tradition in Form von Festen ein ähnlich bedeutender Faktor wie bei Risflecting. Und das begehen eines Abenteuer beinhaltet auch immer einen Hauch des Risikos. Und wer einen bewussten Umgang mit dem Abenteuer erfährt stärkt wohl auch seinen Umgang mit Risikosituationen. Schließlich ergänzen sich Abenteuer und Risiko ineinander. Und was ich ebenfalls mit der Erlebnispädagogik verbinde ist die Natur. Ob mit dem Kanu durch den Fluss, zu Fuß den Bergbesteigen oder Kletternd, oder mit dem Rad zum Bodensee. Ich genieße es mich in der Natur zu bewegen. Und ich finde auch diese ist geprägt von einem ordentlichen Chaos, oder vielleicht einer Chaotischen Ordnung. Auch eine Verbindung zur Natur kombiniere ich mit Risflecting. Die Natur bietet uns leben und gibt bereits eine gewisse Balance vor, die wir Menschen nur oft missachten. Und was Sie auch bietet sind manche Rauscherfahrung. 

Mit dem Pestalozzi Kinderdorf habe ich eine gute Chance zur Umsetzung von Risflecting. Ich finde die Gegebenheiten speziell, nicht viele haben ein eigenes Festival oder eine ähnliche Festkultur. Und auf Festen fühle ich mich selbst sehr wohl, denn ich mag Freudige Menschenmengen. Der dörfliche Charakter bietet den ein oder anderen Sprung über die engmaschige und strenge Jugendhilfe und Informationen und Ideen verbreiten sich für gewohnt schnell und werden gerne gemeinsam Umgesetzt. Dazu ein Erlebnispädagogischer Bereich, der sich mit dem hohen Freizeitwert der umliegenden Natur identifiziert. Ich finde es bietet optimale Voraussetzungen den Grundgedanken der Rausch- und Risikopädagogik zu verinnerlichen. Risflecting in Form einer bewussten Auseinandersetzung mit Rausch- und Festkultur und eine bewusste Arbeit und Reflektion mit dem Risiko durch Erlebnispädagogische Angebote. Grundvoraussetzungen die für mich und das Dorf eine tolle Gelegenheit bieten und an dem bereits ein kleiner Pool an Menschen ein Interesse hegt.  

Räume für offene Reflektion

Hinzu kommt eine offene Ressortleitung, die mich erst auf diesen Studiengang gebracht hat und sich diesem komplexen Thema öffnen möchte. So sind in ersten Gesprächen bereits erste Ideen entstanden. Wichtig war uns dabei eben unsere Festkultur und den Bereich der Erlebnispädagogik zu nutzen. Aber auch ein Sortiment aus mehreren Theorien zu versammeln. Einen Baukasten an Methoden zu haben ist wichtig in der Sozialen Arbeit und vor allem in der besonderen Spezifizierung auf individuelle Problemstellung. So gibt es weitere Mitarbeiter die sich bei unterschiedlichen Seminaren speziell im Präventionsbereich geschult haben. Daher ist uns auch wichtig Risflecting als Prävention zu betrachten. Umso mehr die Auseinandersetzung des Dorfes mit der Thematik Rausch- und Risiko ist umso mehr kann das Verständnis dafür wachsen. Dafür wollen wir künftig Wochenenden veranstalten in denen neben einem kurzen Theoretischen Abriss zu den unterschiedlichen Methoden auch praktische Beispiele gezeigt werden. So dass die Anwendung im Alltag auf niederschwelliger Ebene für alle möglich wird. Zum Schluss möchten wir uns noch etwas bedienen das ich in Österreich beim Seminar in dieser Form erst kennenlernen durfte. Jugendcafés gibt es in Deutschland bereits, aber die offene und mobile Jugendarbeit in Österreich scheint mir ihrer Identifikation ähnlich dem Vereinswesen eine gute Möglichkeit zur Bekämpfung des Vereinssterbens zu sein. Traditionen zu erhalten oder neu zu begründen, aber auch Jugendlichen einen Raum oder Ort zu geben in dem Sie eine geduldete Freiheit ausleben können. 

Unsere Ideen stecken natürlich noch in den Kinderschuhen und die Umsetzung verlangt noch viele Gespräche und einiges zu tun. Auch fehlt es noch an Lösungen für eine Exitstrategie. Schließlich ist Risflecting in sich begrenzt. Suchtproblematiken und schwierige Komorbiditäten bleiben Arbeit der Psychologie. Jedoch hat die gemeinschaftliche Haltung, der offene Diskurs und die gemeinsame Auseinandersetzung darin bestärkt, mit dieser Form der Prävention basierend auf unterschiedlichen Methoden langfristig den Umgang vieler Kinder und Jugendlicher in Bezug auf Rausch- und Risiko Situationen zu stärken. 

Und für mich bleibt  risflecting® abschließend ein besonderes Kapitel. Auf einem Seminar habe ich gehört „, dass diese Methode endlich greifbar macht, was man seit Jahren umsetzen möchte“. Und eben dies habe ich darin gefunden. Ich mag meine Arbeit mit Erlebnis- oder Abenteuerpädagogischen Angeboten. Ich mag Sie noch mehr, wenn ich ihr einen Sinnstiftenden Charakter verleihen kann. Was ich natürlich zuvor auch konnte, bekommt jetzt noch eine neue Ebene. Rausch- und Risiko sind unterschätze und zu wenig kommunizierte Erlebnisse. Ich denke das eine bewusste Stärkung im Umgang damit und ein offener Diskurs darüber genau das richtige ist und habe in Risflecting eine Erklärung gefunden mit welcher ich künftig nicht nur arbeite möchte, sondern sie auch weiterhin bewusst für meinen Alltag nutzen will. Denn eine eigene Auseinandersetzung bleibt für mich die Grundvoraussetzung um mit anderen einen gemeinschaftlichen Umgang mit Rausch- und Risiko zu entwickeln.  

Nina Roth