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“In einem wankenden Schiff…” – über den Tanz mit der Pandemie

“In einem wankenden Schiff…” – über den Tanz mit der Pandemie

Rausch- und Risikobalance wurde zu einer (sehr persönlichen) existenziellen Fragen in den letzten Monaten, die von pandemischen Wellen durchspült wurden. Egal welcher Umgang mit der Situation gewählt wurde, immer wieder stand es da, das Risiko in seiner zerstörerischen Form: der Gefahr. Als Bedrohung für sich selbst oder jene Menschen und Überzeugungen die von höchster Bedeutung im eigenen Leben sind.

“In einem wankenden Schiff fällt um wer stillesteht, nicht wer sich bewegt” 

Was Ludwig Börne, mit Blick auf die Umwälzungen des 19. Jahrhunderts die sein Leben prägten schrieb, gilt auch aktuell in Zeiten der Pandemie.

Kaum hat man einen Weg gefunden, durch den Alltag zu tanzen, da ändert das Virus seinen Rhythmus und mutiert. Wieder steht man dort, wo man schon zu Beginn gestanden ist:
ohne sichere Orientierung, mit dem haarsträubenden Gefühl irgendetwas machen zu sollen, ohne zu wissen, was und wie.

Diese ständige Belastung, auf dem wankenden Boden von Mutation, Inzidenz, R-Zahl… schreit nach einem Gegenpol: 

“Endlich RUHE!!!”

Ruhe… vor dem Virus …vor der Impfung …vor dem Lockdown …vor den Menschen …vor der Wissenschaft …vor der Wissenschaftsfeindlichkeit …

Dann sickert es langsam: der Ruhepol im Sinne eines “jetzt ist es vorbei” wird sich noch länger nicht einstellen. 

Doch nicht nur die Ruhe fehlt, auch ihr Gegenüber, das selbstgewählte Abenteuer, die rauschhafte Verzauberung der Welt, muss sich weit hinten anstellen und dem Appell an die Vernunft des Verzichts Platz machen.

Wenn gleichzeitig das Bedürfnis etwas zu er-Leben immer wieder weggedrückt werden muss und andererseits die Gelegenheit fehlt im Gewohnten zur Ruhe zu kommen, da sich alles ständig ändert, entsteht enormer Druck. 

Der pessimistische Blick prophezeit: 

Das wird sich sich gewaltvoll im Exzess den Weg bahnen oder Menschen unter der bleiernen Decke der Depression ersticken. Lange wird das nicht gut gehen, es geht schon jetzt nicht mehr gut.

Nicht mehr gut geht es vor allem Jugendlichen die als feinfühlige Seismographen für tiefliegende gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen besonders betroffen sind.

Laut Sozialversicherungsträger Konferenz ist in Österreich die Verschreibung von Psychopharmaka an Jugendliche im Vergleich zu 2019 um 41 % gestiegen.

Die Donauuni Krems hat ihre alarmierende Studie zur psychischen Gesundheit Jugendlicher auch dieses Jahr durchgeführt und kommt zum Ergebnis: 62 % der weiblichen und 38% der männlichen Jugendlichen sind von zumindest mittlerer depressiver Symptomatik betroffen.

Diese bleierne Decke der Verzweiflung ist mittlerweile so drückend, dass 14% bzw. 20% der Jugendlichen regelmäßig Selbstmordgedanken haben.

Gleichzeitig beginnen Gewaltphantasien sich ihren Weg in die Realität zu bahnen, in Form von zunehmenden Drohungen, gewaltsamen Protesten und einer Verschärfung der Kommunikation die auf Lagerbildung und Lösung durch Zwang setzt.

Einen sehr lesenswerten Artikel hat Edith Meinhart im Profil dazu geschrieben: “Die Pandemie entzweit die Gesellschaft”. Eine Warnung vorweg, die wohlige Wärme des eigenen “moral highground” gegenüber “den Anderen” könnte dadurch eine Abkühlung erfahren.

Der optimistische Blick hebt sich.

An der Stelle könnte nun die Geschichte zu Ende sein, Pandoras Krug ist offen, das Schlechte bahnt sich seinen Weg.

Wenn da nicht die Hoffnung wäre, die nicht wegfliegen wollte. Eine Hoffnung die sich auch als menschliche Konstante zeigt, nämlich in unserer grundsätzlichen Fähigkeit mit traumatischen Erlebnissen umzugehen. Der Resilienz Forscher George Bonanno konnte zeigen, dass Menschen in ca. 2 von 3 Fällen resilient darauf reagieren. 

We did not feel prepared to be the heirs

of such a terrifying hour

but within it we found the power

to author a new chapter,

to offer hope and laughter to ourselves.

                    Amanda Gorman

Mit dem Lichtermeer zum Gedenken der Coronatoten und Zeichen des Respekts für Gesundheits- und Pflegekräfte zeigte sich praktisch aus dem Nichts kommend, zu welchem empathischen Brückenschlag Menschen fähig sind. Als Einzelne in all unserer Ambivalenz, ebenso wie miteinander mit unseren Wünschen, Nöten und Überzeugungen, die meist nicht deckungsgleich sind und dennoch eine gemeinsame Basis ermöglichen.

Stolpernd und Tanzend zur Balance

Diese Fähigkeit speist sich aus einer Vielzahl von Einflüssen und aus risflecting® Sicht stellt sich die Frage:

Wie kann Rausch- und Risikobalance nun im 3. Jahr der Pandemie gelingen?
In einer anhaltenden Krise, die in wechselnder Frequenz Gewissheiten erschüttert, auf denen wir unseren Standpunkt aufbauen?

Die erste Antwort ist: 

Unsere Fähigkeiten zur Risikoeinschätzung und Entscheidungsfindung nutzen und miteinander in Verbindung bringen.

Wir dürfen nicht den Fehler machen, die Wegsuche auf eine einzige Orientierungshilfe zu reduzieren. Denn so gut die drei Orientierungsebenen Kopf, Herz und Bauch in bestimmten Situationen sind, haben sie Grenzen und halten Fallgruben bereit. Vereinzelt bleiben sie weit hinter dem zurück, was sie im Verbund zur Entscheidungsfindung leisten können.

Kopf

Der Ruf des Kopfes, alle Sicherheit in evidenzbasiertem Wissen zu suchen, führt letztendlich in die Handlungsunfähigkeit, da dieses Wissen so enorm umfangreich ist und täglich wächst, dass es von niemandem in seiner Gänze integriert werden kann. Schon gar nicht tagesaktuell.

Bauch

Sich auf das Bauchgefühl oder das Immunsystem, also auf all das was unbewusst mitläuft und uns durchs Leben gehen lässt, zu verlassen, scheitert schnell. Denn es handelt sich um kein Problem, das 1. an den Grenzen des eigenen Körpers endet und 2. intuitiv erfasst werden kann. Wahrscheinlichkeiten und exponentielles Wachstum liegen unserer Intuition nicht und werden von ihr grundlegend falsch eingeschätzt. (siehe dazu: Gerd Gigerenzer: Risiko bzw. Daniel Kahnemann: Schnelles Denken, langsames Denken)

Herz

Und selbst das soziale Gespür für Beziehungen, also die “Herz-Ebene”, führt zwar in Gruppen Gleichgesinnter, egal ob mit physischer Distanz oder nicht, und bringt das wohlige Gefühl der Zugehörigkeit, ist aber höchst anfällig für Lagerbildung und echohafte Verstärkung der eigenen Position und Sicht der Welt. Damit wird letztendlich auch die Grenze der Empathie immer enger gezogen, bis schließlich ein inneres “Wir” dem äußeren “Die” feindlich gegenübersteht.

Vielmehr müssen wir sie miteinander in Kommunikation bringen. Immer wieder den Break setzen, der Raum verschafft um Kopf, Herz und Bauch in Verbindung zu bringen. 

Ein Prozess der logisches Denken mit gefühlter Verbundenheit und instinktiven Körpersignalen in Verbindung bringt. In Individuen, ebenso wie in Gruppen und Gesellschaften.

Die zweite Antwort ist:

In Bewegung bleiben und akzeptieren, dass kein sicherer Endzustand erreicht, sondern ein Weg gegangen werden will.

Jedes Versprechen die Pandemie unter Kontrolle zu bringen, ist eine Hoffnung die auf fragilen Beinen steht. Die “Gamechanger” der letzten Monate (Tests & Impfung), traffen auf ein neues “Game”, nämlich die mutierten Eigenschaften des Virus. Sie haben uns Einfluss auf das Infektionsgeschehen gegeben, aber keine Kontrolle darüber. Die Risikozone wurde erweitert, die Gefahr, also die existenzielle Bedrohung, nicht eliminiert. 

Deshalb sind wir weiterhin in einem ständigen sozialen Tanz, des richtigen Rahmens, der passenden Nähe und angemessenen Dauer.

So selbstverständlich sich begrüßen wie früher?

Eher nicht. 

Da muss man schon überlegen ob und wenn ja mit wem?

Eine Situation die ideal dazu ist, zu ver-stören und unüberbrückbare Gräben zu schaffen. Vor allem vor dem Hintergrund von sich verhärtenden ideologischen Positionen. “Warum zögert er/sie bei der Umarmung? Warum dieser unsichere Blick? Warum kommt er/sie so schnell auf mich zu?!”

Das Virus hat uns alle nicht nur gesundheitlich betroffen, also auf der psychisch-körperlichen Bauchebene, sondern vor allem unsere Beziehungsebene (Herz) verändert. Wie wir uns selbst, anderen und der Welt begegnen und uns auf auf sie einlassen ist grundlegend in Frage gestellt worden. 

Das sichtbarste Symbol dafür ist die Maske. In unserem Kulturraum ein Objekt des Theaters, Karnevals und Festes. Die Gesichtsverhüllung im öffentlichen Raum, wurde vom Randphänomen das zu belächeln (asiatische Touristen) oder zu bekämpfen (religiöser Fundamentalismus) war, zum alltäglichen guten Ton und ist nach wissenschaftlichem Konsens eines der wesentlichsten Mittel um Einfluss auf die Verbreitungsgeschwindigkeit von Covid zu nehmen. Die Maske als Mittel um von der Gefahr wieder ein Stück ins Risiko zu rutschen und soziale Begegnung bei räumlicher Nähe zuzulassen. Damit tut sich ein Risikoraum auf, in dem wieder “etwas passieren kann”. Nämlich Begegnung und Resonanzerfahrung mit anderen Menschen. Aber auch Ansteckung, wie der am besten untersuchte Bereich – die Schulen – zeigt.

(Un)Verfügbarkeit
Hier endet euch die eindeutige Macht der Fakten als Entscheidungsinstanz, denn beides, die Möglichkeit zur Resonanz in sozialer Begegnung, als auch die Übertragung des Virus, finden im gleichen Raum statt. Sie können nicht voneinander entkoppelt werden. Weniger direkte Begegnung = weniger Ansteckungsgefahr. Mehr Kontrolle und Einschränkungen des Begegnens = Weniger Resonanzraum, man kommt weniger “miteinander ins Schwingen”.
Hartmund Rosa beschreibt in seinem ebenso dünnen wie klarsichtigen Buch “Unverfügbarkeit”, den zugrundeliegenden Konflikt. Umso kontrollierbarer und nutzbarer wir etwas machen, umso besser wir darauf zugreifen und es verfügbar machen, desto mehr entzieht es sich der Möglichkeit in Resonanz zu gehen. Was kontrolliert, geregelt und voraussagbar ist, trägt nicht mehr den Keim des Unverfügbaren in sich, der uns berührt und verändert. Wir treten dann nicht mehr in Beziehung sondern machen Dinge/Menschen zu Aggressionspunkten, die wir nach unseren Wünschen und Nöten kontrollieren wollen.

Dadurch geht unweigerlich etwas verloren, ebenso wie etwas anderes gewonnen wird.

Den Virus hätten wir sehr gerne in einer totalen Ursache -> Wirkung Verfügbarkeit, etwa so:
„Impfung = Immun = Ende des Problems“
(an sich schon ein Trugschluss, da Impfung Wahrscheinlichkeit beeinflusst und nicht Gewissheit bringt, aber das ist jetzt nicht der Punkt)

Gerade, dass es hier zu einer komplexen Wechselwirkung Mensch <-> Virus kommt, die ungeahntes Potential verwirklicht (Mutationen), macht es zu einem so großen Problem, dass die Kontrolle immer wieder verloren geht. 

Die soziale Begegnung hätten wir gerne mit einem großen Maß an Unverfügbarkeit, durch das uns andere zum Staunen und und Lachen bringen, eben weil sie noch überraschen können. Wo es in der Begegnung knistern kann und statt eines Echos ein Dialog steht.

Beide Achsen (Virus verfügbar machen & soziale Begegnungen teils unverfügbar halten) sind wesentliche Einflüsse auf unsere Gesundheit und Lebensqualität.

Es gilt sie – wie so viele andere Rausch- & Risikosituationen – in Balance zu bringen. Im realen Leben heißt das, sie beständig neu zu verhandeln in der Wechselwirkung:

Virus
/      \
Setting — Set

Abwägung statt Eindeutigkeit
Letztendlich geht es immer auch um die Frage:

Was ist es mir Wert auf etwas zu verzichten bzw. dafür ein höheres Risiko einzugehen?

Diese Frage muss für uns als soziale und verbundene Wesen um folgendes erweitert werden: 

Wie kann ich dabei neben meinem Wohl auch das Wohl der Anderen achten?

Denn die Illusion der individualisierten Konsumgesellschaft, wir wären einzelne Inseln im Meer der Gesellschaft, deren Wohl und Wehe nur von ihrer eigenen Kompetenz und der Fähigkeit zum Konsum abhinge, ist ein gefährlicher Trugschluss. Wenn das Wasser steigt, dann steigt es für alle. Was die Spezies Mensch über Wasser gehalten hat, war die Fähigkeit zur Kooperation und dazu braucht es das Miteinander.

Die Antwort auf diese Fragen kann nicht allein in Statistiken gefunden werden und sie nur ans Bauchgefühl zu stellen, lässt vergessen, dass der Virus real ist und seine Wirkungsweise und Verbreitung Mechanismen unterliegt, die ohne Wissen nicht erfassbar sind und sich der Intuition entziehen.

Wie bei andere Quellen von Rausch und Risiko ist es das Wechselspiel aus eigener Gestimmtheit und  Bereitschaft (Set), den äußeren Umständen (Setting) und dem Wirkstoff (Virus), in dem wir eine richtige Balance finden müssen.

Was uns trotz aller Probleme auch immer wieder gelingt! 

Allein dass wir im Kaffeehaus anders angezogen sein und anders agieren können, als im Krankenhaus, ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass wir zur Differenzierung und damit zur Schaffung von Handlungsoptionen fähig sind. Dass wir Settings schaffen können die mehr Resonanz erlauben und trotzdem die Gefahr einer Infektion einhegen – zum Beispiel durch Testen vorm gemeinsamen Treffen.

Die dritte Antwort ist:

Die Fähigkeit zu Kooperation und aneinander Wachsen nutzen

Brücken statt Tunnel
Gerald Koller schreibt in seinem Buch “Zusammen Halt finden”, dass wir in einer Krise nicht im geraden Tunnel sind, in dem uns die Erlösung bereits am Ende entgegenleuchtet. Sondern in einem Labyrinth, das noch so manche überraschende Wende mit sich bringen wird.

Statt auf ein erlösendes Licht am Ende des Tunnels zu blicken, das sich nun mehrmals schon als der Gegenzug entpuppt hat, brauchen wir die Fähigkeit, das Miteinander am Leuchten zu halten – wie eben im oben erwähnten Lichtermeer. 

Die letzten zwei Jahre haben auch immer wieder gezeigt, dass es möglich ist, die kommunikative Brücke zwischen Kopf, Herz und Bauch herzustellen und damit Handlungsfreiheit zu erlangen, die sowohl das eigene Wohlbefinden als auch das Wohl Anderer im Auge behält. 

Das Gute ist: wir brauchen keine bis ins letzte Detail ausgearbeitete Bauanleitung für diese Brücken, sondern erst mal eine grundsätzliche Richtung und die Bereitschaft immer wieder den Blick zu heben und die Richtung zu ändern wenn es die Situation erfordert. Als Menschen sind wir mit der Fähigkeit gestraft und gesegnet, Lücken zu füllen. Während Verschwörungsideologien sie dazu nutzen Lücken in der Mauer ihrer eigenen Festung zu schließen, kann genau diese Fähigkeit, sich das Fehlende vorzustellen und zu füllen, uns dabei helfen eine Brücke zu schlagen wo zuvor keine war. 

Um mit Anderen zum miteinander zu finden, braucht es immer wieder den Mut zur ungewissen Vielfalt und zum Dialog, die den Brückenschlag ermöglichen.

Das geht sicher nicht mit allen Anderen.
Aber wahrscheinlich mit vielen Anderen.